
mit Yasmin Röcker |
Regie: Manfred Behrndt/ Folke Braband
1990-94
Kroll-Theater;
Monsun-Theater Hamburg;
Freunde der Italienischen Oper;
Puppentheater Naumburg
(produziert unter einem nur für diese Produktion ins Leben gerufenen
Label "Theater Der Findling")
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Keine andere Produktion hat mich so lange beschäftigt wie dieser
Versuch, mit Texten Friedrich Nietzsches und auch eigenen Hinzufügungen
einen Theaterabend zu schaffen. Drei Regisseure, vier verschiedene
Partnerinnen für die Rolle der Tia haben mich dabei begleitet.
Erst im dritten Anlauf (unter der Regie von Folke Braband) bei
den Freunden der Italienischen Oper ist der Abend gelungen.
Für mich der spannendste Prozeß auf dem Theater, an dem ich
beteiligt war. Leider war das Publikum, als der Abend dann wirklich
fertig war, am Ende des Nietzsche Jahres 1994 in Naumburg, mit
Nietzsche bereits ziemlich übersättigt. Hier, zur Beschreibung
des Abends eine Kritik anläßlich der Premiere bei den "Freunden
der Italienischen Oper".
Eigentlich geht das gar nicht: Eine Inszenierung über eine
Philosophie, der Text gefügt zu wesentlichen Teilen aus philosophischem
Schriftgut deutlich deutscher Abstammung. Eigentlich geht es
nicht: Es sei denn, man kann es. Und dann gilt der Satz, den
ich mir als erstes notierte an diesem Abend: Das Wesen eines
Dinges ist der Gebrauch, den man davon macht.
Der Gebrauch, den die Leute vom Theater "Der Findling" machen,
ist künstlerisch hochprofessionell und geistig anregend. Da
verkommt der in filmischen wie theatralischen Herstellerkreisen
billig gehandelte Grundsatz - es gelte, Fragen zu hinterlassen,
nicht Antworten - in diesem Kreuzberger Hinterhof nicht zur
Programmheft-Attitüde, er wird als szenische Realität behauptet.
Einer Szene, der zu folgen überdies noch ein Wohlgefallen ist.
Bernd Ludwig kollagierte Texte des sprachmächtigen Friedrich
Nietzsche mit eigenen Sätzen die das ganze zu einer Art Stück
verbinden, Folke Braband inszenierte mit viel Gefühl für die
Eigenart, den Rhythmus, die Besonderheit einer solchen Vorlage.
Die erzählt von dem Nietzsche-Epigonen Daniel, der Angst verspürt
und Ekel vor einer Welt, die auf jede Frage eine Antwort weiß,
die alles zu erkennen, zu erklären vorgibt, selbst den Mythos
der Seele zu entschleiern sucht, doch: "Die Seele liebt keine
Gesetze".
Der die absolute Freiheit suchende erschafft sich sein Gegenüber
aus Kreide, wie einst Pygmalion sein Geschöpf mit dem Allmachtswahn
des selbstberufenen Schöpfers, und sein Antipode ist Tia, Sokratia,
die Tochter des rationalen Denkers Sokrates (Yasmin Röcker).
Am Ende bleibt der Starke in der Tat allein: Seine Stärke ist
seine Schwäche zugleich, der Preis der grenzenlosen Freiheit
ist die grenzenlose Einsamkeit.
Der Abend setzt nicht eifernd eine Denkungsart gegen die andere,
er polemisiert - mit der Gestalt des Daniel - zugleich gegen
die lächerliche Gefährlichkeit bornierten Epigonentums.
Susanne Dieringer baute gleichsam in der Besenkammer eine erzählende
und bestechend schöne Bühne: Daniel bricht die Texte, die er
spricht, aus einer Mauer, wie weiland Moses die Gesetzestafeln
trägt er sein Weltbild schützend vor sich her, am Ende steht,
nein liegt er in der Trümmerlandschaft, inmitten der Ruinen
seines Stein gewordenen Dogmatismus.
Bernd Ludwig gibt den Daniel - trägt den Abend. Meditierend,
räsonierend, schwadronierend, mit hängenden Schultern und dem
roten Wein im Glase, die Pose des zweifelnden Suchers, zunehmend
aber auch die der ignoranten Selbstgefälligkeit, so treibt er
die Figur Satz für Satz in ihre Krise. Dialog, wirklicher Dialog,
Partnerbeziehung findet nicht statt. Das ist kein Versäumnis,
keine Unfähigkeit: der Mann hat in den Mauern seiner letzten
Überzeugung keinen Weg nach draußen. Diese stets präsente Introvertiertheit
bezeugt den Schauspieler wie den Regisseur, da wird absichtsvoll
am Partner vorbeigespielt.
"Ein heiserer Schrei nach Macht oder Daniels Traum von der Freiheit",
das ist im Schnittpunkt von geistigem Anspruch und professionellem
Können wohl das Beste, was ich bislang sah im Gesamtberliner
Off.
VOLKSBLATT (Henryk Goldberg) |