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HINTER
DER KURVE
Kritiken
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Frankfurter Allgemeine Zeitung
vom 22. 02. 02 (ungekürzt)
Der Poet, der dort auf der Bühne vor einer Flasche Schnaps sitzt,
hat scheinbar keinen guten Tag. Sein Blick wirkt melancholisch,
das Jackett ist zerknittert, und der Pianist an seiner Seite
klimpert träge vor sich hin. Noch bevor überhaupt von einem
Unglück die Rede ist, glaubt man zu wissen, welchen Verlauf
es mit ihm nehmen wird, vor allem, weil der bemitleidenswerte
Mann auch noch Robert Trostbedürftig heißt.
An diesem Abend wird es anders kommen. Jede Larmoyanz ist verbannt,
wenn er erst einmal auf der Bühne in Fahrt gerät, jeder Satz
wird von leichtem Humor beflügelt. Der Poet Robert Trostbedürftig
vorne auf der Bühne ist nicht mit Robert Gernhardt zu verwechseln,
aber in ihm steckt sein alter ego. Er schüttelt das Unglück
an diesem Abend immer wieder von sich ab wie ein lästiges Insekt.
Das erinnert strukturell an Gernhardts Lyrik, wo die Verhältnisse
mit dem letzten Reim oft noch eine plötzliche Wendung nehmen
- als würde ein Steuer abrupt herumgerissen. "Hinter der Kurve"
heißt der Abend, den der Regisseur Christian Barthelmes und
der Schauspieler Bernd Ludwig, der zuletzt in Peter Steins "Faust"-Ensemble
mitspielte, zusammen eingerichtet haben. Mit beiden Händen haben
sie in die Gedichte und Prosawerke von Robert Gernhardt gegriffen
und jene Zeilen hervorgezogen, die sich mit aller Drastik dem
Zusammentreffen von Mann und Frau widmen. Die Vagantenbühne
ist dafür in eine kleine intime Nachtbar verwandelt, in der
Bernd Ludwig und der Pianist Antonello Marafioti wie zwei alte
Kumpane sitzen. Sie schwelgen in Erinnerungen, in denen die
Niederungen des Körpers und die Ansprüche des Geistes eine wichtige
Rolle spielen. "In jeder Frau, da steckt ein Sexualobjekt, das
muß der Mann erwecken, sonst bleibt es in ihr stecken", mit
diesen Worten leitet Ludwig den Abend ein.
Der Trieb rückt jedoch im weiteren Verlauf immer mehr in den
Hintergrund, denn es ist gar nicht das Weib, das hier umgarnt
wird. Bernd Ludwig becirct vielmehr die Wörter, nimmt sie genüßlich
in den Mund, läßt sie auf der Zunge zergehen und spuckt sie
dann wieder aus.
Die Erotik liegt auf dem Seziertisch der Sprache, und übrig
bleibt von ihr eine feine Komik, die Ludwig mühelos zum Vibrieren
bringt. Marafioti schlägt dazu versponnene Töne am Klavier an,
die den Text mit tragen, und im Laufe des neunzigminütigen Abends
ein eigenes Gewicht bekommen.
Ein Schachbrett, ein kleines Renaissancegemälde und eine Rotweinflasche
sind die Requisiten, die dem Musiker und dem Poeten genügend
Gesprächsstoff für ihre kleinen Einlagen bieten. Am Ende werden
der Musiker und der Poet weiter am Kreuzweg von Liebe und Leben
stehen, die Bühne allerdings in heiterer Verschwiegenheit verlassen:
"Mehr ist nicht zu sagen, sonst noch Antworten?"
Simone Kaempf
Weitere Pressestimmen:
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Christoph Funke im Tagesspiegel vom 21. 2. 02
Das Fischen im "Wörtersee" ist Gernhardts Leidenschaft, kein
Versmaß, das er nicht beherrschte, kein Spiel mit Vokalen, in
dem ihm nicht ein Tick mehr gelänge als den freundlich-bissig
hergenommenen Vorbildern. Das ist frech und doch nicht ohne
Melancholie.
"Hinter der Kurve" nannten Bernd Ludwig und Christian Barthelmes
einen Abend mit Lyrik und Prosa von Robert Gernhardt, der aus
der Zusammenarbeit der "e1ns theater Produktion" mit Peter Steins
Faust-Ensemble im Sommer 2001 entstanden ist. Das Publikum ist
in eine kleine Bar geladen. Bernd Ludwig als Poet und Antonello
Marafioti als Musiker Theo verbringen einige Zeit miteinander,
zwischen Klavier, rundem Tisch und Theke. ... Marafioti gibt
sowohl in seinen virtuosen Improvisationen am Klavier als auch
im Spiel den Lebenszugewandten, der den mitunter kummervollen
Poeten, den Robert Trostbedürftig hochreißt, auf die Bahn bringt,
und sei es bei der Interpretation eines Renaissance-Bildes im
Goldrahmen. Spannungslose Beziehungen entstehen da, Dichtung
und Musik werden gegeneinander abgewogen, und nicht immer hat
es der in Gernhardts Prosa und Lyrik versponnen leicht, sich
durchzusetzen.
Der Komödiant am Klavier nämlich ist mit perlenden Läufen
und schmetternden Akkorden um keine Wirkung verlegen, er untermalt
das Gesagte, steigert es, löst es auf. Aber Ludwig verteidigt
den Poeten mit hohem Ernst und auch mit schnellem, gescheitem
Witz. Er gibt ihm, freundliche Ironie inbegriffen, die schöpferische
Aura, die der "Wörterfischer" nun einmal braucht.
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Inge Bongers in RadioKultur (SFB/ORB)
"Galerie des Theaters"
Der Dichter, der auch hier Robert heißt, sitzt an einem Caféhaustisch
und leert zunächst eine halbe Flasche Fernet Branca; Zunächst
ganz beiläufig für sich, dann fürs Publikum gezielt verständlicher,
bastelt er einen Reim. "In jeder Frau da steckt ein Sexualobjekt.
Das muß der Mann erwecken." Voraussehbar, daß sich das auf in
ihr stecken reimen wird. Im Laufe des Abends wird noch so mancher
Spruch haarscharf an der Zote vorbeischrammen, so mancher
Kalauer, aber auch wunderbare Nonsens-Vierzeiler und jede Menge
gelungener Pointen werden treffsicher "Hinter der Kurve" plaziert.
...
Bernd Ludwig verkostet derlei wie den Roten, der vermutlich
aus der Toskana stammt; als Alter Ego des Poeten drückt er nicht
komödiantisch auf die Tube, er läßt vielmehr eine sanfte, fast
schmerzhaft grüblerische Beschaulichkeit vorherrschen. Vor
allem im zweiten Teil klingen die Texte dann doch wie Mini-Dramen,
kleine Komödien über den "Aneinandervorbei-Schlaf", samt der
Frage, ob eine ironische Reaktion denkbar ist; tragische Anklänge,
wenn's um Freund Hein, den Sensenmann geht. Und währenddessen
improvisiert der Pianist (der wie eine Karikatur eines Bilderbuch-Italieners
aussieht, agiert und parliert, und tatsächlich Antonello Marafioti
heißt) Bekanntes und Eigenes, beides mit erstaunlicher Virtuosität.
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Berliner Morgenpost vom 21. Februar 2002
Ausnahmsweise heißt Robert nicht Gernhardt, sondern Trostbedürftig.
... Doch Trostbedürftig wäre nicht Gernhardt, wenn er seine
Melancholie nicht immer auch mit linguistischem und anderem
Irrwitz paaren würde.
Genau diese spezielle Kombination des Sprachverdrehers und Nonsensveredlers
wollen Schauspieler Bernd Ludwig und Pianist Antonello Marafioti
auf die Theaterbühne bringen, wenn sie in der Vagantenbühne
"Hinter der Kurve" zeigen.... Die Liebe und die Triebe sind
das Problem, an dem der Poet in diesem Stück schier verzweifelt
- aber immer nur fast. Denn eigentlich ist es ganz einfach:
Der Mops hat seinen Zeugungstrieb ganz schrecklich gern und
furchtbar lieb". Allein der (übrigens ausgezeichnete) Pianist
zuckt nur verständnislos mit den Schultern, schließlich ist
Theo alias Antonello Marafioti Italiener.
Eine hübsche Idee ist das, dem Dichter mit seinem sprach-brachialen
Größenwahn jemanden zur Seite zu stellen, der als Ausländer
tatsächlich nicht versteht, was nüchtern betrachtet ja purer
Unsinn ist. Aber intelligent. Sie sind schon ein amüsantes Gespann.
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Hartmut Krug in der Frühkritik vom ORB Radio 3
Robert Gernhardt ist keiner dieser modischen Blödelbarden, die
die Komik so krachen lassen, daß ihr jeder tiefere Witz entfährt.
Gernhardt ist ein stiller Denker, dem das Denken Spaß macht
und der uns mit seinem Denken Spaß bereitet. Wovon der Leser
oder Hörer frohen Mut bekommt. Gernhardt wagt sich an die allerletzten
Fragen, auch wenn er sie meist skeptisch offen läßt. Bei ihm
sinniert Gott "Ich hab da All, das Nichts gemacht, ich fürchte,
es hat nichts gebracht." und über einen Hund heißt es verständnisvoll:
"Der Mops hat seinen Zeugungstrieb ganz schrecklich gern und
furchtbar lieb. Was die existentielle Frage von Gernhardt, dem
ewigen Problematisierer, allerdings nicht beantwortet: Ist eine
ironische Erektion denkbar?
Sagen wir mal so: wenn Robert Gernhardts Überlegungen unter
dem Titel "Reich der Sinne, Welt der Wörter" von Bernd Ludwig
auf der Bühne durchsonnen werden, dann denkt man manchmal, vielleicht
ist sie tatsächlich möglich, die ironische Erektion. Der Schauspieler
Bernd Ludwig ist ein kongenialer Gernhardt-Interpret. Weil er
die scheinbar beiläufigen Texte des Cartoon-Dichters nicht auf
Pointe und auftrumpfend auf die Bühne bringt, sondern weil er
sie elegant unterspielt.
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(c) by actorscut.com
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